Digitaler Kolonialismus und was wir damit zu tun haben?

Digitaler Kolonialismus und was wir damit zu tun haben?

Kolonialismus ist uns allen ein Begriff. Er beschreibt die historische Praxis, bei der europäische Mächte ab dem 15. Jahrhundert Gebiete in Afrika, Asien und Amerika besetzten und ausbeuteten. Diese Expansion führte oft zu kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Veränderungen in den betroffenen Regionen, während die Kolonialherren immense Ressourcen und Reichtum erlangten. Im Zusammenhang mit Kolonialismus geht es heute vordergründig um die Aufarbeitung und Wiedergutmachung der Verbrechen der Kolonialmächte. Die nationalen Erben der europäischen Kolonial-Mächte versuchen sich vor der Verantwortung und Wiedergutmachung für das erzeugte Leid zu drücken. In linken Publikationen und Aktionen wird regelmäßig auf diese historische Verantwortung aufmerksam gemacht. Es ist gut, richtig und wichtig sich mit unserer kolonialen Geschichte auseinanderzusetzen und den Finger in die Wunde unserer gesellschaftlichen historischen Verantwortung zu legen.
Weniger präsent in unseren Debatten und Handlungsweisen ist, wie der digitale Kolonialismus Teil unserer Alltagsverhalten geworden ist. Denn dies würde in der politischen Konsequenz bedeuten, unsere bequemen Alltagsrythmen zu hinterfragen, bzw. zu verändern. Warum tun wir das nicht?
Karl Marx hat mal über die Menschen gesagt: „Sie wissen das nicht, aber sie tun es“. In der medialen Postideologie hat sich ideologisches Handeln vom tatsächlichen Wissensstand schon lange entkoppelt – wie Slavoj Zizek meint: „Sie wissen es, aber sie tun es trotzdem.“
Was ist digitaler Kolonialismus?
Mit dem Begriff des digitalen Neo-Kolonialismus ist die Nutzung digitaler Technologien zur politischen, wirtschaftlichen und sozialen Vorherrschaft über andere Nationen oder Gebiete gemeint.
Rohstoffe:
Digitaler Fortschritt auf Kosten von Mensch und Natur. Die Geschichte der Menschheit ist eng verbunden mit der Nutzung von Bodenschätzen. Auf Eisen, Gold, Kohle und Erdöl wurden ganze Weltreiche errichtet. Alle gegenwärtigen Großmächte befinden sich in einem Wettlauf um Zugang zu Rohstoffen. Auch Deutschland gehört als eines der führenden Industrieländer zu den Großverbrauchern mineralischer Rohstoffe. Besonders dramatisch ist das bei den kritischen Ressourcen. Dazu zählen Aluminium, Kobalt, Mangan, Seltene Erden und Lithium. Wer verstehen will, auf welchen Schultern der digitale Fortschritt ruht, muss etwas vom Alltag der Menschheit erfahren, die in den Minen, wie z.B. dem Kongo nach Kobalt schürfen oder deren Tiere verenden, weil der Lithiumabbau ihnen das Wasser abgräbt. Kobalt ist ein kritischer Rohstoff für Handys, der vor allem in den Minen der Demokratischen Republik Kongo abgebaut wird. Die Minen und Bergwerke stehen immer wieder wegen Kinderarbeit, mangelnder Sicherheit und Verschmutzung in der Kritik.
Ein weiterer Schlüsselrohstoff für den grünen und digitalen Wandel ist neben Kobalt das Leichtmetall Lithium. Es ist unverzichtbarer Bestandteil in Akkus wie Laptops, Smartphones und E-Autos. 2022 wurden 130000 Tonnen abgebaut und bis 2030 können sich die Abbaumengen nochmals mehr als vervierfachen nach Schätzungen von US-Wirtschaftsbehörden. 70 % aller Lithiumvorkommen befinden sich in Argentinien, Bolivien und Chile. Für die Gewinnung werden indigene Völker von ihrem Land vertrieben. Und der mit dem Förderprozess verbundene Wasserverbrauch ist enorm. So pumpen z.B. zwei Minengesellschaften in Chile jedes Jahr mehr als 63 Milliarden Salzwasser aus den tieferen Schichten der Salzwüste nach oben. Die Folge ist, dass der Grundwasserspiegel sinkt.
Der Zusammenhang unseres auch „linken Konsumverhaltens“ zur Ausbeutung in den Ländern des Südens lässt sich an solchen Beispielen leicht erläutern.
Daten und KI als koloniales Herrschaftswissen:
Daten sind das Fundament, auf dem die Tech-Konzerne ihre Imperien errichtet haben. Sie bestimmen, was Menschen im digitalen Informationsökosystem zu sehen bekommen – von den algorithmisch sortierten Sozialen Medien über personalisierte Nachrichtenwebsites bis zu zielgerichteten Wahlwerbung. Sie bestimmen in Form von Identifikationssysstemen, Big-Data-Analysen und biometrischen Datenbanken, wie Menschen von Staaten behandelt werden, wo sie sich aufhalten dürfen, oder vom Staat als terroristische Gefährder eingestuft werden, welche Jobangebote sie bekommen oder welche medizinische Versorgung. Am Beispiel der Gesundheit lässt sich verdeutlichen wie Algorithmen funktionieren: 86 % der weltweiten Genforschung wird mit weißen, europäischen Menschen, bzw. an weißen Männern durchgeführt, die nur 12 % der Weltbevölkerung ausmachen. Medikamente sind daher auf weisse männliche Menschen zugeschnitten. People of Colour können sich mangels Finanzen seltener Arztbesuche leisten. Die trainerten Algorithmen kommen zum Ergebnis, dass People of Colour weniger krank werden.
Die umfassende Datafizierung ist ein Einfallstor für Konzerne wie Microsoft und Google. Rund 2,5 Trillionen Bytes an Daten werden täglich aufgezeichnet, gespeichert, verarbeitet und analysiert. Das Wissen Macht ist, demonstrierte niemand rücksichtsloser als die Kolonialherren, die den Kategorisierungswahn für ihre globalen Eroberungsfeldzüge benutzten. Wenn Daten Herrschaftswissen sind, https://kontrapolis.info/ dann sind Automatisierung und KI zu Algorithmen geronnene koloniale Macht. Access Now kritisierte z.B. die Zusammenarbeit des Welternährungsprogramms der UNO mit Palantir, das in erster Linie Datenanalyse-Dienste für Polizei und Militär anbietet.
In Afghanistan machten US-Militär und Weltbank biometrische Identifikation zum Standard. Nach Abzug des westlichen Militärs fielen die Daten den Taliban in die Hände.
Sklavenarbeit und Ausbeutung der Arbeitskraft:
Der Boom von Social Media und künstlicher Intelligenz hat in den vergangenen Jahren eine Schattenindustrie von Niedriglöhner:innen entstehen lassen. Sogenannte Content-Moderator:innen, Datenannotierer:innen und Klickarbeiter:innen prüfen im Auftrag der Tech-Konzerne potenziell strafbare Inhalte und entscheiden darüber, ob Beiträge gelöscht werden. Sie klassifizieren Texte, Bilder und Videos, um damit das KI-Training zu unterstützen, oder hören wie bei Amazon (z.B. 300000 Arbeiter:innen) Gespräche (von Sprachassistenten) nach um den Algorithmus zu trainieren.
Für Frauen ist Content-Moderation besonders traumatisierend. Eine Content-Moderatorin erzählt: „ die Gewaltdarstellungen, die wir prüfen mussten, richteten sich größtenteils gegen Frauen. In den Terrorvideos, wie etwa den Enthauptungen des IS, waren es hauptsächlich Männer. Aber ansonsten waren meist Frauen Opfer in den Beiträgen, die ich prüfen musste: Gewalt in der Partnerschaft, Frauen, die erstochen wurden, Messerstechereien. Selbst bei Kindesmissbrauch, meistens bei kleinen Babys, waren die Opfer Mädchen.“
Nach Schätzungen der World Bank sind weltweit zwischen 154 und 435 Millionen Menschen in dieser Rolle tätig. Täglich müssen Content-Worker:innen zwischen 600-700 Tickets mit potenziell traumatisierenden Inhalten bearbeiten. D.h. es bleiben ca 30-40 Sek. für Moderations-entscheidungen. Entlohnt werden die Tech-Arbeiter:innen wie z.B. in Nairobi oft mit einem Stundenlohn von 1,50 Dollar oder weniger.
Während wir im IOT (Internet of Things) oder social media unterwegs sind und unseren Spaß haben, sorgen im Hintergrund die Tech-Worker:innen rund um den Globus dafür, dass wir nicht mit verstörenden Inhalten konfrontiert werden und trainieren gleichzeitig die KI`s der Tech-Faschisten wie Elon Musk, Zuckerberg, Peter Thiel oder Sam Altman für einen neuen neokolonialen Faschismus.
Kabel- und Satellitenprojekte erhalten die Abhängigkeit des globalen Südens aufrechterhalten.
Auf den Meeresböden sind Tausende Kilometer lange Unterseekabel verlegt, durch welche enorme Mengen an Daten um die Welt strömen. Nach Angabe des Branchendienstes TelGeography verbinden etwa 600 aktive und geplante Unterseekabel mit einer Gesamtlänge von 1,4 Millionen Kilometern die die ganze Welt. Nur 1 % der weltweiten Unterseekabel sind Schätzungen zufolge heute im Besitz von Staaten. Europas führender Hersteller von Unterwasser-Glasfaserkabeln, Alcatel Submarine Networks schätzt dass 70 Prozent der aktuellen Unterseekabelprojekte von Big Tech unterstützt werden. Den Ländern des Südens wird durch schnellere Übertragungs-geschwindigkeiten wirtschaftlicher Aufschwung versprochen. Der große Nachteil jedoch ist, dass die Daten aus dem Globalen Süden in die Rechenzentren und Konzernzentralen im globalen Norden abfließen und mit ihnen mögliche Wertschöpfung und Profite. Diese Abhängigkeit erinnert an koloniale Zeiten. So wie die Siedler einst zu wirtschaftlichen und militärischen Zwecken Eisenbahnen bauten, so bauen die Tech-Kolonialisten heute digitale Infrastrukturen auf.
Künstliche Intelligenz für den Schutz der Festung Europa:
Die EU investiert in großem Stil in die Forschung an neuen Technologien, die das Grenz- und Migrationsmanagement unterstützen sollen. Vorne dabei künstliche Intelligenz und Robotik. Mit 8 Millionen förderte die EU das abgeschlossene Programm ROBORDER. Der Name ist Programm. Es zielt darauf ab, Grenzen Mithilfe von Drohnen, Bodenfahrzeugen und Sensoren auf Seeplattformen in Echtzeit in ein autonomes System zur Grenzüberwachung aufzubauen. Ein weiteres wichtiges Instrument sind biometrische Datenbanken zur Identifikation und Rückführung in die Herkunftsländer. So hat die EU 30 Millionen für ein biometrisches Identifizierungssystem in Cote d`Ivoire investiert, um die Rückführung zu vereinfachen. Gefördert wurde auch mit 28 Millionen Euro ein universelles landesweites Ausweissystem mit biometrischer Datenbank im Senegal. Europäische Firmen, wie die franz. Civipol sind an der Entwicklung und Installierung der biometrischen Erfassungssysteme beteiligt. Im Schlepptau die großen Rüstungshersteller darunter Thales, Airbus, DS und Safra. In den nächsten Jahren sollen hunderte Millionen digital lesbare Ausweisdokumente in Afrika erstellt werden. Die so gewonnenen Informationen fließen unter anderem nach Deutschland zur Bundesdruckerei, die digitale Ausweisdokumente für Afrika erstellt.
In Kenia hat sich gegen die Totalerfassung Widerstand organisiert: https://kulturladen.org/index.php/themen/11-nachrichten/712-c
Wir befinden uns in einem digitalen Schraubstock. Die digitalen Dienste und Geräte, die unser bequemes modernes Leben ermöglichen und unsere Kommunikation so viel freier gestaltet haben, basieren auf der Ausbeutung von Mensch und Natur im Globalen Süden. Wer heute ein Smartphone besitzt, einen Laptop nutzt oder E-Auto fährt macht sich mitschuldig.
Gleichzeitig befindet unser digitales Leben sich in der Hand weniger Superreicher. Mit der Monopolstellung ihrer Unternehmen bestimmen Menschen wie Elon Musk, Jeff Bezos, Sam Altamn, Peter Thiel oder Mark Zuckerberg weltweit, wie wir uns online informieren, wie wir diskutieren, kommunizieren oder handeln. Einen solchen unkontrollierten Einfluss sollte kein Mensch und kein Unternehmen besitzen, weil wir dann nicht mehr in Freiheit leben können.
Die Informationstechnologien können als „Technologischen Angriff“ auf unser Leben betrachtet werden. Hinter dieser „Innovationsoffensive“ stehen Tech-Unternehmen und Eliten mit ihrer Tech-Ideologie. In den letzten Jahrzehnten haben sich diese Ideologien radikalisiert und bewegen sich zunehmend in Richtung antidemokratischer Visionen und umstürzlerischer Projekte. Diese radikalisierten Formen verschmelzen sie mit der Alt-Right-Bewegung in den USA, der sie wesentliche theoretische Impulse verliehen haben. Das Ziel dieser neuen neo-faschistischen Kräfte besteht in dem Bestreben, Datenanalyse und KI-Technologie zu nutzen, um die „freiheitliche demokratische Ordnung“ zu schwächen und durch ein schlankes, auf Automatisierung und Präemption (also algorithmische Vorhersage und Vorwegname) basierende Staatswesen zu ersetzen. Zugleich fangen sie damit antikapitalistische, antifaschistische und feministische Initiativen ab, die sich in der Vergangenheit dem technologischen Angriff entgegengesetzt haben.
Wir werden den digitalen Kolonialismus nicht allein durch individuellen Verzicht bekämpfen können, so wie es uns nicht einfach gelingen wird den Kapitalismus von heute auf morgen abzuschaffen.
Für die Kämpfe gegen den digitalen Kolonialismus, für den Widerstand gegen ein zunehmend enteignetes Leben, gegen den weltweiten gesellschaftlichen Rechtsruck brauchen wir kollektive, politsche und gestalterische Ansätze. Eine wichtige Frage wird sein, wie können wir die Menschen mit unseren Erzählungen praktisch mitnehmen. Denn wie der Philosoph und Polittheoretiker Slavoj Zizek Eingangs zitiert wurde: „Sie wissen es, aber sie tun es trotzdem.“ Das wird die wichtigste Diskussion sowohl theoretisch als praktisch sein, die wir zu führen haben!?
Weniger ist Mehr! Wir könnten öfter das Smartphone ausschalten Statt großer Plattformen z.B. zu Mastodon & Bluesky wechseln, Signal statt Whatsapp benutzen oder nachhaltigere Smartphones wie z.B. Fairphone benutzen. Im Internet of Things finden sich viele Hinweise von anonymen Surfen, über Verschlüsselung, welchen Browser oder Suchmaschine benutzen und vieles mehr. Und eigentlich alles nicht so kompliziert und schwer. Dafür brauchen wir Orte, wo Menschen zusammenkommen und sich gegenseitig helfen und inspirieren.
Der Digital Independence Day ist so eine Möglichkeit die Menschen mitzunehmen. Jeden ersten Sonntag im Monat auf die gute Seite wechseln. Auf der Seite https://di.day/ werden Wechselrezepte (von WhatsApp zu Signal), Events und Hilfe angeboten.
Tipps zur digitalen Selbstverteidigung finden sich u.a. bei:
https://kulturladen.org/index.php/themen/digital/digitale-selbstverteidigung
Lesetipp und Quellenhinweise:
– Digitaler Kolonialismus Wie Tech-Konzerne und Großmächte die Welt unter sich aufteilen.   ISBN 978-3406823022
– Atlas der KI Die materielle Wahrheit hinter den neuen Datenimperien. ISBN-10 ‏ : ‎ 3406823335
-Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus [Was bedeutet das alles?] – KI und AGI (Artificial – General Intelligence) – Wie Tech-Milliardäre Macht und Zukunft formen ISBN: 978-3-15-014666-8

passiert am 16.01.2026